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Bevor Fanggeräte ein zweites Leben bekommen, haben sie ein erstes. Netze werden repariert, einzelne Netzbahnen ersetzt, Leinen gekürzt und beschädigte Teile als Ersatzteilspender aufgehoben. Scheidet ein Gerät endgültig aus dem Betrieb aus, wartet kein einheitliches System auf es. Sein Weg kann in sehr unterschiedliche Richtungen führen.
Manche Fanggeräte kommen in den Hafen zurück und gelangen in die örtliche Abfallentsorgung. Andere werden eingelagert, weil die Entsorgung Geld kostet oder eine spätere Nutzung noch denkbar erscheint. Wieder andere werden über Rücknahmeprogramme oder spezielle Hafensammlungen erfasst. Ein Teil geht auf See verloren: bei Stürmen, durch Verhaken, durch Konflikte zwischen Fischereitätigkeiten oder bei anderen betrieblichen Ereignissen. Und manche Geräte werden absichtlich zurückgelassen.
Die entscheidende Unterscheidung lautet deshalb nicht einfach benutzt oder weggeworfen, sondern kontrollierter oder unkontrollierter Verbleib.
Zuerst ein genauer Blick auf die großen Zahlen
Aufgegebene, verlorene oder anderweitig entsorgte Fanggeräte werden international meist mit ALDFG abgekürzt. Sie sind eine bedeutende Quelle von Meeresmüll. Netze und Fallen können weiter Tiere fangen, obwohl sie für niemanden mehr einen Ertrag liefern. Dieses Phänomen heißt Geisterfischerei.
Sein Ausmaß ist allerdings schwer zu erfassen. Eine grundlegende technische Untersuchung der Welternährungsorganisation FAO und des UN-Umweltprogramms UNEP kam zu dem Schluss, dass die verfügbaren Informationen keine belastbare weltweite Schätzung zuließen. Der Bericht hob Stellnetze sowie Fallen und Reusen als besonders relevant für die Geisterfischerei hervor. Weitere Folgen sind das Verfangen von Tieren, Schäden an Lebensräumen und Gefahren für die Schifffahrt.
Diese Unsicherheit ist wichtig. Eine dramatische globale Zahl lässt sich leicht weitererzählen. Sie kann aber Unterschiede zwischen Fischereien, Regionen, Gerätetypen und Meldesystemen verdecken. Hilfreicher sind konkrete Fragen: Welche Geräte? Welche Flotte? Welche Küste? Welcher Zeitraum? Welche Schätzmethode?
Erster Weg: reparieren und weiterverwenden
Fanggeräte der Berufsfischerei sind Arbeitsmittel, keine Einwegverpackungen. Beschädigte Abschnitte lassen sich herausschneiden und ersetzen. Leinen, Schwimmer, Metallteile und intakte Netzstücke können getrennt weitergenutzt werden. Das verlängert die Nutzungsdauer und bewahrt einen größeren Teil der Arbeit und des Materials, die bereits in den Geräten stecken.
Wiederverwendung ist zugleich der am wenigsten sichtbare Weg. Sie findet in Werkstätten, Häfen und Fischereibetrieben statt, nicht in Recyclingstatistiken. In Diskussionen über das „Lebensende“ wird sie deshalb leicht übersehen.
Zweiter Weg: Sammlung an Land
Fanggeräte, die an Land zurückkehren, gelangen nur dann in eine geregelte Behandlung, wenn eine praktikable Sammlung vorhanden ist. Die FAO zählt Zugang, Kosten und Verfügbarkeit von Sammelstellen an Land zu den Faktoren, die das Zurücklassen oder den Verlust von Fanggeräten beeinflussen.
Sammlung ist noch kein Recycling. Nimmt ein Hafen alte Geräte an, müssen sie anschließend weiterhin identifiziert, gelagert, transportiert, gereinigt und getrennt werden. Netze können verschiedene Kunststoffe enthalten, dazu Leinen, Schwimmer, Beschichtungen, Metall und organische Verunreinigungen. Wirtschaftlich entscheidend ist, ob eine nutzbare Materialfraktion genügend Wert besitzt, um einen ausreichenden Teil dieses Aufwands zu tragen.
Dritter Weg: Material zurückgewinnen
„Fischernetz“ ist keine Werkstoffspezifikation. Netze und ihre Bestandteile können aus Polyamid beziehungsweise Nylon, Polyethylen, Polypropylen oder anderen Materialien bestehen. Ein glaubwürdiges Recyclingversprechen beginnt deshalb mit Identifikation und Sortierung – nicht mit der Herkunft vom Meer.
Saubere, gleichmäßige Materialströme lassen sich leichter verarbeiten als gemischte oder stark verschmutzte. Für bestimmte Fraktionen kann mechanisches Recycling geeignet sein. Andere Verfahren sind vielleicht technisch möglich, am jeweiligen Standort aber wirtschaftlich oder ökologisch wenig überzeugend. Außerdem braucht das gewonnene Material einen Abnehmer, dessen Anforderungen es erfüllt.
An dieser Stelle werden viele Kreislaufgeschichten weniger spektakulär und dafür umso wichtiger: Logistik, Qualitätskontrolle und eine wiederkehrende Nachfrage entscheiden darüber, ob aus zurückgewonnenem Material ein Rohstoff wird oder ein Entsorgungsproblem bleibt.
Vierter Weg: geregelte Entsorgung
Lassen sich Fanggeräte weder weiterverwenden noch recyceln, kommen je nach örtlicher Infrastruktur und Rechtslage Verbrennung, Deponierung oder andere geregelte Entsorgungswege infrage. Diese Ergebnisse sind nicht gleichwertig. Anders als ein Verlust auf See sind sie jedoch kontrollierbare Wege.
Eine ehrliche Rangfolge lautet nicht: „Aus allem wird ein neues Produkt.“ Sie lautet: vermeidbare Verluste verhindern, Geräte lange nutzen, Material dort zurückgewinnen, wo Belege und Infrastruktur dafür sprechen, und die verbleibenden Reste sicher behandeln.
Fünfter Weg: Verlust auf See
Ist ein Gerät erst verloren, wird seine Bergung unsicher und möglicherweise gefährlich. Positionsdaten, Eigentumsverhältnisse, Tiefe, Wetter, Verhakungsrisiken und die Empfindlichkeit des Lebensraums spielen eine Rolle. Eine Bergung kann selbst Lebensräume beeinträchtigen oder Besatzungen gefährden. „Holt es heraus“ ist noch kein vollständiger Einsatzplan.
Zur Vorbeugung gehören unter anderem die Kennzeichnung von Geräten, bessere Meldungen, zugängliche Entsorgungswege, Bergungsplanung und auf die jeweilige Fischerei zugeschnittene Maßnahmen. Die FAO führt eine weltweite Erhebung durch, um Ursachen, Mengen und Folgen von ALDFG besser zu erfassen. Das zeigt auch: Die globale Datenlücke wird weiter bearbeitet; geschlossen ist sie nicht.
Ein belastbarer Materialkreislauf beginnt, bevor ein Netz zu Abfall wird: mit Rückverfolgbarkeit, Wartung, erreichbaren Sammelstellen und einer bekannten Materialzusammensetzung.
Was hinter einem Produkt aus alten Fanggeräten stecken sollte
Fragen Sie nach dem tatsächlichen Ausgangsmaterial, dem Sammelort, der zurückgewonnenen Kunststofffraktion und dem Umgang mit Verunreinigungen. Wie hoch ist der Rezyklatanteil im fertigen Produkt? Welche Dokumentation der Lieferkette oder welches Massenbilanzverfahren trägt die Aussage? „Ocean-bound“, „marin“ und „Fanggeräte“ bezeichnen unterschiedliche Sachverhalte und sind nicht austauschbar.
Solche Details machen die Geschichte nicht kleiner. Sie machen sie überprüfbar.
Vom ausgedienten Fanggerät zur nächsten Anwendung
Eine Sammelstelle und ein Hersteller sprechen selten dieselbe Materialsprache. Ocean Material arbeitet mit Sammel- und Recyclingpartnern daran, die Lieferketten zwischen ihnen aufzubauen: von zurückgewonnenen Fanggeräten über Sortierung und Verarbeitung bis zu Materialspezifikationen und industrieller Nachfrage. Das Materialangebot aus Fanggeräten umfasst PA6- und PP-Ströme für unterschiedliche Anwendungen.
Dabei geht es darum, den gesamten Weg funktionsfähig zu machen. Herkunftsnachweise, gleichmäßige Materialqualität und eine geeignete Anwendung können aus einem zurückgewonnenen Materialstrom einen nutzbaren Rohstoff machen. Das Ergebnis hängt weiterhin vom konkreten Gerät, Kunststoff und Verarbeitungsweg ab.
Offenlegung: Moana Earth wurde vom Team hinter Ocean Material gegründet. Dieses Beispiel beschreibt die Rolle des Unternehmens in der Lieferkette. Die oben erläuterten Anforderungen und Grenzen gelten auch für seine Arbeit.
Quellen und weiterführende Informationen
- FAO and UNEP, Abandoned, lost or otherwise discarded fishing gear, Technical Paper No. 523, 2009.
- FAO, Global ALDFG Survey.
- IMO, Marine litter: work on fishing gear and sea-based sources.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel erklärt allgemeine Wege. Die tatsächliche Abfalleinstufung, Behandlungsvorgaben und geeignete Recyclingverfahren hängen vom Fanggerät, der Rechtsordnung und der aufnehmenden Anlage ab.



